Widerstand

Ankunft der Karawane 2007 vor dem Lager Hesepe - Transpis und PolizeihundSchon bald nach Eröffnung des Lagers im November 2000 wehrten sich Flüchtlinge gegen die Unterbringung in dem Lager und führten eine Demonstration in der Stadt Bramsche durch.

Antirassistische Gruppen versuchen mit einer Veranstaltung in der Stadt Bramsche über das Lager zu informieren. Bereits zugesagte Räume für die Veranstaltung werden plötzlich gekündigt. Bei Nachfragen stellt sich heraus, dass das indirekt auf Anweisungen aus dem niedersächsischen Innenministerium zurückzuführen ist. Die Informationsveranstaltung findet trotzdem statt, im Eine-Welt-Laden in Bramsche. An ihr nehmen auch einige BewohnerInnen des Lagers teil.

Im August 2002 macht die „Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen“ Station in Bramsche. Vor dem Lager findet eine Solidaritätskundgebung für die BewohnerInnen des Lagers statt und in der Stadt Bramsche eine Demonstration. Das Lager wird für das Wochenende für Besuch geschlossen und den Flüchtlingen, die an der Aktion teilnehmen wollen, mit Repression gedroht.

Bei unserem nächsten Besuch im Lager werden wir rausgeschmissen und kurze Zeit später werden in allen Häusern Überwachungskameras angebracht.

Im November 2003 nehmen Kinder aus dem Lager an der Tagung der „National Coalition“ zur Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland und Europa, die in Osnabrück stattfindet, teil. Sie formulieren zusammen mit Kindern aus Osnabrück und Melle einen offenen Brief an den Ministerpräsidenten C. Wulff, in dem sie auf ihre Lage aufmerksam machen und einige Forderungen zum Lager stellen. Auf subtile Art versucht die Sozialbehörde des Lagers, die Teilnahme der Kinder am Kongreß zur verhindern, was ihre Situation allerdings für die erwachsenen Kongressbesucher nur deutlicher macht. Es folgt eine Einladung bei der Osnabrücker Kinderkommission. Die Kinderkommission schickt den Brief im Auftrag der Kinder an C. Wulff.

Im April 2004 antwortet der Ministerpräsident auf den offenen Brief der Kinder. Erwartungsgemäß wird er das Lager nicht schließen, stattdessen ein Bushaltehäuschen bauen lassen, damit die Kinder, die eh kein Geld zum Bus fahren haben, bei Regen nicht naß werden. Der Brief wird den Kindern am 21. Juni von der Kinderkommission im Lager übergeben.

Am 13. Mai 2004 schreiben 38 tschetschenische Flüchtlinge einen offenen Brief, sie bitten um „mehr Verständnis für Menschen, die neun Jahre in einer Republik lebten, in der Krieg herrscht.“ Weiteres Zitat: „Menschen, die das Kriegsgebiet verlassen haben, brauchen viel Ruhe und Verständnis. Längerer Aufenthalt im Lager, das mit Stacheldraht eingezäunt ist, erinnert uns an ein Gefängnis. Die ganze Atmosphäre führt öfter zu nervlichen Ausbrüchen, die wir nicht kontrollieren können.“ Der Brief wird an die Presse und an Menschenrechtsorganisationen weiter geleitet. Von Seiten der Verantwortlichen für das Lager kommt keine Reaktion. Am 27. Juli schreiben die Tschetschenen einen weiteren Brief, in dem sie auch schildern, dass sie den Lagerleiter zur Rede gestellt haben: „Als wir die eine oder andere Beschwerde vorbrachten, sagte er, wir sollten uns an seine Mitarbeiter wenden. Wir können nicht nachvollziehen, wofür er eigentlich zuständig ist. Auf die Frage, was das für ein Lager ist in dem wir sitzen, und warum die einen sagen, es sei ein „Abschiebelager“, andere Mitarbeiter, es sei ein „Transferlager“, erhielten wir die Antwort, dass es ein „Wohnheim“ sei. Dabei wissen wir genau, dass das ein Abschiebelager ist … Kurz gesagt, das Gespräch mit dem Chef war eine einzige Enttäuschung.“

Dieses Gespräch mit dem Lagerleiter Herrn Bramm findet nicht freiwillig statt, er muß dazu gezwungen werden. Ca. 100 Flüchtlinge blockieren am Morgen des 26. Juli die Pforte des Lagers und lassen die Angestellten nicht hinein. Von Seiten der Lagerleitung wird immerhin der Presse gegenüber geäußert, dass die Sinnhaftigkeit der Unterbringung der tschetschenischen Flüchtlinge fraglich ist. Sonst passiert nichts.

Am 12. August 2004 wird die Pforte erneut blockiert. Herr Bramm äußert sich dahingehend, dass er nicht mit den Flüchtlingen reden will, angeblich weil er sich nicht unter Druck setzen lassen will. Stattdessen erstattet er Anzeige gegen eine Unterstützerin wegen Nötigung und Hausfriedensbruch und verbreitet, dass der Protest der Flüchtlinge von den UnterstützerInnen geschürt wird. Immerhin werden in der Folgezeit die meisten der Tschetschenen aus dem Lager umverteilt. Sie werden aber zum Teil (bewusst?) in so schlechten Unterkünften untergebracht, dass ein paar von ihnen äußern, in Bramsche wäre es besser gewesen, was das Lager aber nicht wirklich besser macht. Die meisten Tschetschenen äußern sich erleichtert über die Umverteilung. Dennoch sind immer noch auch Tschetschenen in dem Lager untergebracht.

Begrüßungsbotschaft für Anti-Lager-action-Tour, Sommer 2004Vom 20. August bis zum 5. September 2004 findet die Anti-Lager-action-Tour in Deutschland statt. Das erste Aktionscamp vom 20. bis zum 24. ist ganz in der Nähe des Abschiebelagers. Für die Zeit des Camps wird ein Besuchsverbot für das Lager erlassen und 140 Polizisten werden in dem Lager stationiert. Die öffentliche Aufmerksamkeit für das antirassistische Protestcamp ist enorm. Sowohl Printmedien als auch Radio und Fernsehen berichten. Es finden Kundgebungen und Demonstrationen in Hesepe und Osnabrück statt. Zahlreiche Flüchtlinge besuchen das Protestcamp. Es wird gemeinsam gegessen, diskutiert und Perspektiven entwickelt. Sogar ein Fußballspiel gegen den Heseper Verein findet statt.

Im März 2005 kommt es zu einem Brandanschlag auf die lagerinterne Ausländerbehörde, nachdem es zuvor Auseinandersetzungen zwischen Flüchtlingen und MitarbeiterInnen der Sozialbehörde gegeben hatte. Zwei Bewohner des Lagers werden in den nächsten Tagen verhaftet, die allerdings nach Aussagen anderer BewohnerInnen auf gar keinen Fall die Täter gewesen sein können. Auch hier wirft sich die Frage auf, in welchen Verhältnissen solche Taten begründet sind. Zeitungsartikel der Neuen Osnerbrücker Zeitung

Im Juni 2005 findet eine „interne Fortbildung“ in dem Lager statt, für MitarbeiterInnen aus dem Innenministerium und aus anderen ZAAB´s. Zuvor gab es eine Stellungnahme der Landesregierung, die deutlich macht, dass Bramsche-Hesepe durchaus als „Modellprojekt“ gesehen wird. Christian Lüttgau wollte auf der Veranstaltung im Juni den „Erfolg“ der „Freiwilligen Rückkehr“ darstellen, was nicht so ganz gelingen sollte, weil ca. 70 Flüchtlinge den Besuch zum Anlaß nahmen, zu protestieren und eine Demonstration durch das Lager zu veranstalten, um die Schließung des Lagers zu fordern.

Im Rahmen der Osnabrücker Afrika-Wochen findet zum internationalen Tag des Flüchtlings am 18. Juni 2005 eine Speakers Corner in Osnabrück statt, bei der Flüchtlinge über ihre Situation berichten und UnterstützerInnen die Schwierigkeiten schildern, die bei der gemeinsamen Arbeit entstehen.

Im August kündigt das „Komitee für Grundrechte und Demokratie“ an, eine „öffentliche gewaltfreie Inspektion“ des Lagers durchzuführen. Die Inspektion des Lagers wird von Seiten der Lagerleitung verweigert. Das Grundrechtekomitee führt gemeinsam mit dem NoLager-Netzwerk am 24. September einen Aktionstag am Abschiebelager durch und zuvor eine Demonstration durch Hesepe. Dieser Aktionstag ist wiederum eingebunden in eine kleine Anti-Lager-Tour, die am nächsten Tag in Mecklenburg-Vorpommern fortgesetzt wird. Ca. 70 Flüchtlinge, darunter einige Familien mit Kindern schließen sich der Demonstration an. Nachdem in zeitlicher Nähe zum Camp im Rahmen der Anti-Lager-action-Tour im Zaun des Lagers ein Loch entstanden ist , beschließt die Polizei nun, den Zaun um das Lager durch einen weiteren Zaun, einer Polizeiabsperrung, in 20 Meter Entfernung zu schützen. Diese Situation macht die Isolation des Lagerlebens umso mehr symbolisch deutlich. Flüchtlinge, die nicht bei der Demo dabei waren und zu den Aktionen vor dem Lager dazukommen wollen, müssen einzeln einen Spießrutenlauf durch die Polizeikette machen. Das Motto, unter das die Flüchtlinge für sich den Aktionstag stellen, lautet: „Das Lager muss weg – aber wir bleiben hier!“

Zum Ende des Jahres organisiert sich eine größere Gruppe von Flüchtlingen und verfasst einen „Offenen Brief“, der an das Landesinnenministerium von Niedersachsen gerichtet ist. Zentrale Forderung ist die Schließung des Lagers und die dezentrale Unterbringung, es werden aber auch konkret die Lebensumstände geschildert und einzelne Forderungen dazu gestellt. Der Brief wird von 180 (!) Flüchtlingen des Lagers unterschrieben, zusätzlich werden über 500 Unterschriften von UnterstützerInnen gesammelt. Zusammen mit dem NoLager-Netzwerk wird die Übergabe des Briefes, die im Jahr 2006 stattfinden soll, organisiert.

Im März 2006 wird der „Offene Brief“ in die Landeshauptstadt Hannover gebracht. Das Landesinnenministerium hat schon im Vorfeld die Annahme verweigert. Der Brief wird unter Pressebegleitung zwei Abgeordneten des Landtages von FDP und Bündnis90/Die Grünen überreicht und dem Landesinnenministerium in den Briefkasten geworfen. Bei der Abreise aus Hannover will die Polizei die Personalien aller Beteiligten aufnehmen, zwecks Überprüfung des Verstoßes gegen die Residenzpflicht. Lagerleiter Lüttgau hatte schon im Vorfeld als einzige Reaktion auf den Brief angekündigt, dass er alle Flüchtlinge anzeigen wolle, die gegen die Residenzpflicht verstoßen. In der Folgezeit macht sich Enttäuschung breit, dass es keine Reaktion auf den „Offenen Brief“ gibt. Daraufhin wird noch einmal von Flüchtlingen am frühen Morgen zum Schichtwechsel das Tor blockiert und ein Gespräch gefordert. Dachbesetzung

Am 2. Mai besetzen AktivistInnen die Dächer der Lagerbehörden. Zeitgleich blockieren wieder Flüchtlinge das Tor. Anschließend machen alle gemeinsam eine kleine Demonstration durch das Lager.

Im Mai kommt dann endlich die Reaktion auf aus dem Landesinnenministerium auf den Protest. Innenminister Uwe Schünemann veranstaltet eine Landespressekonferenz in dem Lager, die nach seinem Wunsch als Propagandaveranstaltung für die Lagerpolitik durchgeführt werden sollte. Geglückt ist es ihm nicht, denn die Flüchtlinge nutzen den Termin, um eindringlich ihre Forderungen zu wiederholen. Schünemann muss sich vor der Presse sehr winden , um auf der einen Seite das Lager wie ein schönes Holiday-Camp hinzustellen, auf der anderen Seite aber auch deutlich zu machen, dass sich die Menschen dort nicht zu wohl fühlen sollen, schließlich sei das Ziel der Konzeption ja die Ausreise. Dieser Widerspruch kam bei der Presse an und entsprechend war die Berichterstattung des nächsten Tages.

„Wir wollen nicht im Lager leben“ – unter diesem Motto errichteten Flüchtlinge des Abschiebelagers Bramsche-Hesepe vom 5. – 7. Juni 2006 zusammen mit AktivistInnen des NoLager-Netzwerks ein dreitägiges Protestcamp außerhalb des Lagerzauns. Mit Veranstaltungen, Hearings und Aktionen sollte die Öffentlichkeit nicht nur über die Situation der Flüchtlinge im Abschiebelager selbst informiert werden, auch die europäische Lager- und Migrationspolitik war einmal mehr öffentlicher Kritik ausgesetzt. Zentrale Forderung der Aktions- bzw. Lagerboykottage war die sofortige Schließung des Abschiebelagers Bramsche-Hesepe!
(Bericht von den Aktionstagen)

Im November 2006 findet ein mehrtägiger Boykott der Kantine statt. Flüchtlinge weigern sich, dort zu essen, sie werden stattdessen von UnterstützerInnen versorgt. Begleitet wird die Aktion durch Kundgebungen.

Im Mai 2007 bewegt sich die „Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen“ durch Deutschland auf dem Weg zum G8-Gipfel nach Heiligendamm. Sie macht Station in Bramsche-Hesepe und ein weiteres Mal findet Demonstrationen für die Schließung des Lagers statt.Unter anderem wird dabei auch der Zaun besetzt, der dazu führt, dass „sich die Kinder aus dem Lager und dem Dorf durch zwei Zäune hindurch gegenseitig beim Spielen“ zusehen können, jedoch „um zusammen zu kommen, erst noch komplett ums Lager herum“ laufen müssen.

Bericht mit vielen Fotos Video der Demonstration Aufruf zur Demonstration

Wird weiter vervollständigt….